Moment mal

Irene Bisang
18. 4 .– 4. 5. 2013

 

PRESSE 

Mittwoch, 17. April 2013 / Nr. 88 Neue Luzerner Zeitung 

«Ich kreise zwischen dem Werden und dem Vergehen»

Die Luzerner Künstlerin Irene Bisang (31) zeigt in der Galerie Periferia in Luzern eine Auswahl ihrer Bilder: eine Reise ins Unterbewusste.

Von der Lust am Malen spricht sie. Von der Freude an diesem bestimmten Grün, das sie aus Pigment mit einem speziellen Binder selber gemischt hat. Das Licht schafft plastisch mit dem körnigen Material und bietet dem Auge feinste Nuancen der Reflexion an. Irene Bisang, 1981 geboren und in Rothenburg aufgewachsen, ist eine Malerin, die sich der freien Intuition überlässt, die das Bilderschaffen als ein Abenteuer erlebt und sich vom Geschehenauf Leinwand und Papier überraschen lässt. «Oft gehe ich am Morgen ins Atelier und habe keine Ahnung, was bis am Abend entstehen wird.» Das Bild verdichtet sich. Sie lässt die Bilder auftauchen aus dem Unterbewussten. «Erst hinterher, jetzt nach ein paar Jahren der Arbeit, erkenne ich allmählich Themen, Konstanten und Motive, die wiederholt auftauchen.» Irene Bisang malt, was unter ihrer Hand Gestalt annimmt. «Ich habe keine Bildidee, wenn ich beginne. Ich lasse mich führen von einer Inspiration,setze eine Farbe, gebe ihr eine Form und sehe zu, was entstehen will.» In Aquarell und Öl arbeitet die Künstlerin. Manchmal entsteht ein Bild rasch, dann wieder dauert es, bis sie weiss, jetzt ist es zu Ende gemalt. Was ihr nicht stimmig erscheint, übermalt sie. In mehreren Schichten verdichtet sich das Bild. 

Krokusse neben E. T. 

Neben den freien Erfindungen, die sie aufs Papier und auf die Leinwand malt, sind es in letzter Zeit zunehmend Bilder aus dem allgegenwärtigen Fundus, die Irene Bisang in ihrer Malerei aufgreift: Fotos aus Zeitschriften, Augeneindrücke, ein Bild der von ihr bewunderten Worpsweder Malerin Paula Modersohn-Becker (1876–1907), die Figur des Ausserirdischen E. T. mit seinem leuchtenden Finger. Solche Bildfunde ergänzt Irene Bisang in ihrer Malerei. In einer Art malerischer Collage fügt sie die Versatzstücke ineinander, malt Krokusse neben die E. T.–Figur, legt eine nackte Frau auf einen schwebend im Weltall tänzerisch ausschreitenden Elefanten. Oder sie setzt einen minuziös gemalten Vogel in seinem realistisch gemalten Federkleid auf ein Wattestäbchen, als wärs ein Zweig.  «Es ist das Leben, was ich male», sagt Irene Bisang, «die Spanne zwischen dem Werden und Vergehen, darum kreise ich.» Erotische Motive tauchen immer wieder auf, einmal direkt und explizit, manchmal nur verborgen angesprochen. Die Bilder sollen etwas zu sagen haben. Aber was sie dem Betrachter erzählen, das will sie nicht bestimmen. Auch ihr selbst teilen ihre Bilder etwas jenseits der Worte mit. Vielleicht lerne sie etwas über sich, meint sie, aber das Malen und das Zeichnen ist ihr kein Mittel, etwas über sich zu erfahren. «Es ist einfach die schönste Tätigkeit.»

Gesichter strahlen vor Glück

In der Galerie Edizioni Periferia zeigt Irene Bisang in zwei Vitrinen auch eine Reihe minuziöser Bleistiftzeichnungen: akribische Darstellungen von Schafen in einer Landschaft, von Menschen im Stamm eines mächtigen Baums. Die winzigen Gesichter strahlen Glück aus: «Dieser Ausdruck in den Gesichtern war mir wichtig.» Die Zeichnungen mit ihren malerischen Schattierungen liegen neben und auf marmorierten Papieren, die aus einer Farbschicht auf Wasser gewonnen sind – ein Innehalten zwischen Werden und Vergehen. In fantastische und poetische Welten führt diese Künstlerin mit ihren Bildern. Traumhaftes verbindet sich mit höchster Realistik, weist unversehens in die Abstraktion oder umspielt Pflanzenhaftes im feinen Aquarell, leicht und sicher aufs Papier gesetzt.

Urs Bugmann